Buchempfehlung: Martin Lichtmesz: Ethnopluralismus. Kritik und Verteidigung

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„Ethnopluralistisch nenne ich alle Ansätze, die das Nation- und Volksein überhaupt und an sich als Gut verteidigen.“ Böse Zungen könnten behaupten, mit diesem Ausspruch auf dem Buchrücken sei zum Thema ,Ethnopluralismus‘ das Wesentliche gesagt. Tatsächlich aber bietet diese Einführung von Martin Lichtmesz eine Vielzahl von Einblicken in ethnopluralistische Positionen der vergangenen 200 Jahre. Vertreten sind etwa Denker wie Friedrich Hegel, Herder, Franz Boas oder Alain de Benoist. Ihre teils weit voneinander abweichenden Überzeugungen fördern eine erstaunliche intellektuelle Vielschichtigkeit zutage. Diese macht deutlich, dass von DEM Ethnopluralismus nicht die Rede sein kann. Dies ist insofern bedeutsam, als dass der Ethnopluralismus mittlerweile als Indikator für eine rechtsextreme Gesinnung gilt, da „Ethnie“ lediglich eine neue Chiffre für „Rasse“ sei.1 Dieser politische Mythos wird widerlegt durch den wechselhaften Weg, den der Autor in seinem Buch durch die abendländische Geistesgeschichte bis in die Zeit der Klassik zurück verfolgt.

Dem voran gestellt ist eine Einordnung ethnopluralistischer Positionen in die heute voranschreitende geistige Globalisierung. Menschenrechte mit universellem Geltungsanspruch dominieren dank globaler Institutionen zunehmend das Zusammenleben auf allen Kontinenten dieser Welt. So sehen etwa die „Ziele für nachhaltige Entwicklung“ der „Agenda 2030“ der Vereinten Nationen Gleichberechtigung der Geschlechter, Gleichheit der Geschlechter oder den Abbau von „Ungleichheiten“ vor.2 Tradierte Formen des Zusammenlebens haben in derartigen Vorstellungen lediglich dort Platz, wo der Weg zur vernetzten und zunehmend vereinheitlichten Welt nicht behindert wird – unausgesprochen bleibt der weltweite Gültigkeitsanspruch absolut. Derartige Tendenzen greift Lichtmesz auf, spürt ihren Vordenkern wie Robert Hepp, Christine Sleeter oder Charles Taylor nach und setzt sie zu ethnopluralistischen Auffassungen ins Verhältnis.
Lichtmesz‘ Werk ist von breit gefechter Sachkenntnis geprägt. Dabei enthält er sich weitgehend der Bewertung divergierender Auffassungen, die er sprachlich ansprechend zutage fördert.

Mit „Ethnopluralismus. Kritik und Verteidigung“ aus dem Hause Antaios ist der vorpolitische Raum um ein Standardwerk reicher, das nach unserer Auffassung seine 18€ wert ist.

1https://www.bpb.de/politik/extremismus/rechtsextremismus/230862/transkript-zum-ethnopluralismus

2https://nachhaltig-entwickeln.dgvn.de/agenda-2030/ziele-fuer-nachhaltige-entwicklung/?pk_campaign=cpc&pk_kwd=un%20agenda%202030