Die AfD, die Vergangenheit und ich

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Früher war mehr AfD. Da gehts der Partei wie dem als klimaschädlich verpönten silbrig glitzernden Weihnachtsbaumbehang. Vor allem war früher mehr „meine AfD“. Früher klingt länger zurückliegend, als es in Wahrheit ist, denn früher ist bei mir seit 2015. Ich bin nämlich ein Späterwachter. Wie nennt man eigentlich den neumodischen Querdenkerklüngel? Diese bis 2020/21 Verschnarchten? Die den Großen Austausch beinahe verpasst hätten? Ganz-Späterwachte? Übernächtigte? Ich schweife ab.

Kaum ein Tag verging, an dem ich mich nicht rechtfertigen musste. „Deine AfD“ hat dies gemacht. „Dein Gauland“ hat jenes gesagt. „Dein Höcke“ hat schief geblinzelt. Unfassbar, auch noch mit dem rechten Auge und in aller Öffentlichkeit! Vogelschissdebatten und die politkorrekten Definitionen, wer als Platzhalter- oder Ausbreitungstyp anzuerkennen sei, Denkmale von Schande oder schändliche Denkmale, bestimmten meinen Alltag auf dem vorhandenen Restdebattenterrain im linksverseuchten Feindesland. Kaum ein Monat ohne Leak eines ellenlangen Whatsapp-Chatgruppen-Geschnacksels voller frivoler Belanglosigkeiten in der Quantitätspresse. Hüpfburgen und ihre Gefahren des Missbrauchs als Orte lüsterner Begierden oder Kopulationsstätten haben sich tief in mein Gedächtnis gegraben. Nie mehr hüpfen, heißt es seither, und falls doch, dann jedenfalls immer mit dem Rücken zur Gummiburgwand. Mit freiem Blick zur Hauptbrücke als Fluchtpunkt. Ich schweife erneut ab.

Dabei war und bin ich noch nicht einmal AfD-Mitglied. „Meine AfD“ wäre also schon aus rein rechtlichen und tatsächlichen Gründen die unzutreffende Zuweisung. Gekauft habe ich sie auch nicht, wobei ich da nur für mich sprechen kann. Interessiert bloß keinen aus der grünlinks vernagelten Fraktion, denn deren Horizont endet am verstaubten Kommodenschränkchen, in das jedermann, selbst die Frauen, in die für ihn (oder sie, falls das fraglich bleibt) vorgesehene Schublade gestopft wird. Und wehe, wehe, da versucht jemand herauszuhüpfen (nein, vielleicht lassen wir das mit dem Hüpfen, sagen wir lieber herauszuspringen), weil er sich verkehrt eingeordnet fühlt. Deine Schublade bestimmen wir, Gesinnungsfrevler, Kontaktschuldiger, heißt es dann, und du bist AfD! Damit bekommt man gleichzeitig einen fest zugewiesenen Platz in weiteren Ablagen besagten Kommödchens: Krypto-Faschist, Trump-Jünger, Putin-Troll, Bratwurst-Verweigerer. Polen-Versteher ist inzwischen überholt, diese Abweichler sind wieder auf Linie. Die Brasilien-Keule dagegen schwingt noch. Querdenker nicht zu vergessen natürlich, und zwar in allen Abwandlungen, die die mangelnde Toleranz-Kreativität hergibt: Quertreiber, Querbläser, Querschläger (hoho, da ist gleich noch die Gewaltkomponente mit untergebracht), Schwerdenker, Quarkdenker, Dummdenker – ich bräuchte Tage, sie alle aufzuzählen. Und merke zum Glück rechtzeitig, dass ich schon wieder abgeschweift bin.

Nunmehr seit vielen Monaten: Funkstille. Entweder mein Bekanntenkreis ist inzwischen endbereinigt; unter Gleichgesinnten nickt man ohnehin nur noch verstehend zu den aktuellen Fragen der Zeit. Oder die, die „meiner AfD“ regelmäßig etwas Anstößiges vorzuwerfen hatten, sind am dritten Booster verschieden. Oder Richtung Paraguay abgetaucht. Es kann selbstredend auch sein, dass die AfD nichts mehr zu sagen hat in der Öffentlichkeit, was man mir vorwerfen könnte. Nichts wesentliches zu Corona, nichts entscheidendes zum Ukrainekrieg, nichts zum geleakten Whatsapp-Gruppengeschwätz der Bundestagsfraktion, die den virtuellen Stammtisch – vermutlich wegen der Kontaktbeschränkungen – zum echten erkoren hatte.

Wenn man meine Meinung nicht wissen will, gehe ich eben zurück in meine Putintroll-Querschläger-Schanddenkmal-Schublade. Mit mir will offenbar kein Feind mehr reden. Wir haben gewonnen.