Ein Zertifikat – und jede Menge Fragen

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Das Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern gibt nach einem verlorenen Schuljahr aber ein Zertifikat aus, das gegen die eigentliche Absicht dieser bizarren Aktion zeigt, wie desaströs es um die Schulen steht.

Als mein Kollege G. H. das Dokument auf Twitter fand, hielten wir es beide für einen Witz. Sogar für einen von allzu bitterem Hohn, stellt dieser Zettel mit dem offiziellen Logo des Bundeslandes doch die Bankrotterklärung der Bildungspolitik der Schwesig-Regierung dar.

Könne so nicht sein, dachten wir. Von einem findigen Zyniker aber immerhin echt gut gemacht. Lieber nichts darüber verlauten lassen, besser keinem fiesen Scherz aufsitzen. Perplexes Kopfschütteln.

Aber:

Kurz darauf stellte sich raus, das Ding ist echt. Tatsächlich entblödete sich das Ministerium nicht, Angestellte und Schüler dafür zu loben, während der Zwangsmaßnahmen beflissen der Beschäftigungstherapie des sogenannten Distanz- und Online-Unterrichts nachgegangen zu sein und artig die Hygiene-Regeln eingehalten zu haben.

Es werden in diesem Zertifikat also zum einen traurige Selbstverständlichkeiten honoriert, die zum anderen tragisch offenbaren, dass schon innerhalb des zweiten Schuljahres im Unterricht nichts Substantielles laufen konnte, weil die Erlasspolitik das verhinderte. Innerhalb des zu vermittelnden Pensums brachen über zwei Jahre so gravierende Lücken, dass sie kaum zu schließen sein werden.

Mindestens im Grundschul-Anfangsunterricht, dem Erlernen des elementaren Lesens, Schreibens und Rechnens, und in den Hauptfächern sind die Lücken enorm und werden nun in höhere Klassen mitgeschleppt, gar nicht zu reden von den sozialen und psychischen Folgen für Kinder und Heranwachsende. Ein Systemversagen.

Zu Beginn des Jahres ist die verfehlte Bildungspolitik von Medizinern vehement kritisiert worden. Psychologen verlangten eindringlich und im Duktus der Bittstellerei gegenüber der Obrigkeit das Ende der totalen Lockdown-Politik und erhofften damit die Öffnung der Schulen.

Aber keine Gnade. Im Gegenteil. Obwohl die Kindereinrichtungen nie und nirgends Pandemietreiber waren, fand es die Landesregierung voller Stolz sehr richtig, ihre Maßnahmen sogar noch härter einzustellen, als dies die „Bundesnotbremse“ verlangt hätte, und tat sich damit noch groß. Wenn doch mal ansatzweise Unterricht stattfand, wurde er gestört vom Exerzieren der Hygiene-Verordnungen: Tests, Masken, Lüftung, Belehrungen und Listen, Listen, Listen.

Der angerichtete Schaden wäre nun offiziell entweder beschämt zu verschweigen oder mit Nachdruck zu kritisieren. Nur fällt es dem Bildungsministerium natürlich gar nicht ein, Selbstkritik zu üben. Im Gegenteil: Alles bestens! Ein echter Erfolg sogar, eine tolle Selbstqualifizierung! Und ein ausdrückliches Lob an die Betroffenen dafür, dass sie im Zustand der Zwangsvereinnahmung so wacker mitgemacht haben. Letztlich lässt sich neuerdings ja alles zertifizieren. Aber dokumentiert wird in diesem peinlichen Fall nur eines – das Versagen des Bildungsministeriums, das jedoch stolz ist auf die Bildungsverhinderung.

Es suggeriert nun, in „schwieriger Corona-Zeit‘“ wären „ganz besondere Fähigkeiten gelernt worden, die für die Zukunft wertvoll sind.“

Kein Fake also. Leider.

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Folge uns Heino Bosselmann:

Heino Bosselmann, geboren 1964, aufgewachsen in der Prignitz, studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien. Er schreibt seit Jahren für das Netztagebuch der Sezession, das Compact-Magazin und nun auch für den Blog der Aktionsgruppe Nord-Ost.