Es war einmal … die Dienstleistung

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Die Älteren werden sich vage erinnern. Es gab – vor langer, sehr langer Zeit – dieses seltsam anmutende Konstrukt in Gastronomie und Einzelhandel. Man rief es Service, und es war ein langer, sehr langer Prozess, bis sich bei allen Beteiligten ein Bewusstsein und nachhaltiges Gespür dafür entwickelte. Irgendwann jedoch wurde der Service zu einer unausgesprochenen Selbstverständlichkeit, mitunter noch zögernd praktiziert, aber als grundsätzliche Basis des Austauschs zwischen Kunden und Dienstleistern anerkannt.
Diese schöne Zeit übereinstimmender Interessenlagen – des Kunden auf ein schönes Erlebnis oder auf den Erwerb eines guten Produkts, des Dienstleisters, dem Kunden dies zu einem mehr oder weniger angemessenen Preis zu verschaffen – gehören seit ein paar Monaten der Vergangenheit an.
Im Dienstleistungssektor herrscht nun das Primat der allumfassenden Personenkontrolle. Wenn die Bäckereifachverkäuferin lautstark bellend deinen Impfstatus erfragt, wenn die Sprechstundenaushilfe in der Arztpraxis den baldigen Fristablauf deines Genesenenzertifikats ins vollbesetzte Wartezimmer hinein verkündet, wenn die gierigen Finger der Restaurantfachfrau sich deines Smartphones bemächtigen, energisch tippend und endlos scrollend die letzten Geheimnisse deiner geheimsten privaten Daten ergründend, erkennst du, dass nicht mehr deine Wünsche im Vordergrund stehen, sondern der unersättliche Wissensdurst der neuen Kettenhunde des Corona-Systems.
Aber sie müssen das doch tun, könnte man einwenden, sie sind doch verpflichtet zu kontrollieren. Oh ja, das sind sie. Aber es macht einen himmelweiten Unterschied aus, sich freundlich und dezent den zwingend notwendigen Überblick über die gesetzlich geforderten Umstände zu verschaffen (ein paar tun dies in der Tat) oder lustvoll in der neuen Macht zu baden, sie nicht nur zu probieren, sondern sie begierig auszukosten, sich förmlich an ihr zu berauschen.
Diese neue Macht zu entscheiden, wer würdig oder unwürdig ist, wer als Mensch akzeptiert oder als unwerter Hund vor der Tür zu bleiben hat, sie bekommt nicht jedem. So manche Brötchenschmierkraft und Saftserviererin wird vielleicht ihr blaues Wunder erleben, wenn sie eines Tages an die Grenzen ihrer Macht stößt oder – Gott behüte – diese plötzlich endet. Und sie nur wieder Service leisten muss, ohne wenn und aber und ohne die Möglichkeit, andere im schnarrenden Befehlston zur Identifikation als Mensch aufzufordern.
Ein kleiner Nachtrag: Manche dieser neuen Blockwartdienstleisterinnen sind so mit Tagezählen beschäftigt, dass sie zuviel Wechselgeld herausgeben. Ich mag zwar kein Recht mehr haben, ein schlampig geschmiertes Käsebrötchen im Inneren eines Cafes zu verzehren, aber mein Recht darauf, schlecht im Kopfrechnen zu sein, kann man mir so leicht nicht nehmen.