Loyalität und Knechtschaft

Veröffentlicht in: Theorie | 0

Im jüngst veröffentlichten Beitrag „Loyalität und Herrschaft“ im verdienstvollen Konflikt-Magazin zeichnet der Autor ein Bild vom Rechten, das einer kritischen Betrachtung würdig ist. Dieser stehe nicht für Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit ein. Hingegen sei es der europäische Mensch, der dem chaotischen Universum und der gewalttätigen Natur das Gute abgerungen habe. Somit bringe der rechte Europäer Licht und die Kraft des Guten in die Welt.

Tatsächlich ist die Lehre vom Guten in der europäischen Geistesgeschichte tief verwurzelt. Schon Sokrates trieb schon 400 v.Chr. seine Gesprächspartner mit seiner ihm eigenen Mischung aus Penetranz und logischer Stringenz auf der Suche danach dermaßen zur Weißglut, dass er schließlich als Gefährder der öffentlichen Ordnung zum Tode verurteilt wurde. Sein Schüler Platon formte die Erinnerungen an die Erlebnisse seines Mentors zu kunstvollen Dialogen, deren reichhaltiger philosophischer Gehalt noch heute die akademischen Gemüter bewegt.

Die Suche nach dem metaphysisch Wahren, Guten und Schönen unter Zuhilfenahme des Verstandes lässt sich dabei als Konstante ausmachen. Das wohl berühmteste Beispiel hierfür ist das Höhlengleichnis: Der Wahrheitssucher erkennt, dass er sein ganzes Leben hinweg in einer Höhle angekettet war und das, was er für die Realität hielt, nur die Schatten von Gegenständen waren, die vom Licht auf die Felswand geworfen wurden. Er bemerkt, dass die Sonne – symbolisch für das Gute stehend – außerhalb der Höhle die Quelle des Lichts ist, während er Zeit seines Lebens nur Abbilder realer Dinge für die Wirklichkeit hielt. Die Lektüre dieses Gleichnisses war bereits in der griechischen Antike Lehrstoff und ist es noch heute in unseren Schulen.

Zurecht – bringt es doch bildlich eine Grundkonstante europäischen Denkens zum Ausdruck: Die Suche nach der objektiven Wahrheit, die sich unabhängig von Ort, Zeit, Denker und konkreten historischen Begebenheiten unter Zuhilfenahme des logisch denkenden Verstandes vollzieht.

Tatsächlich haben wir es den Osmanen zu verdanken, dass die antiken Lehren die Zeiten überdauerten .

Im ausgehenden Mittelalter erlebte das antike Griechenland eine Renaissance, was der Epoche zu ihrem Namen verhalf. Der Buchdruck machte die alten Texte nun breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich, wodurch die – meist idealisierte – griechische Lebensart zum Vorbild gebildeter Schichten wurde. Unter dem Eindruck der Lektüre von Werken wie den platonischen Dialogen wurde anstelle christlicher Demut der rationale, humanistische Menschen ins Zentrum des Denkens gestellt. Der selbstreflektierte und seine Triebe domestizierende Mensch könne mithilfe seines Verstandes die Rätsel der Natur ergründen. Alte Denkschranken fielen, neue geistige Moden wurden immer breiteren gesellschaftlichen Schichten zugänglich.

Begünstigt durch den allgemeinen gesellschaftlichen und kulturellen Wandel führte dies zur Epoche der Aufklärung. Wohl kaum ein Ausspruch bringt die Aufbruchstimmung dieser Zeit so zum Ausdruck wie Kants viel zitiertes Diktum „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“ Die Aufklärung sei der „Ausweg des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“.

Ohne die verworrenen und oft nebulösen Pfade historischer Prozesse allzu sehr simplifizieren zu wollen, war es doch von dort aus nur ein kleiner Schritt zur Infragestellung der alten, ständischen Ordnung: Wenn jeder Mensch durch Bildung und seinen bloßen Verstand zur Erkenntnis fähig ist, lassen sich autoritäre Deutungsmonopole und Machtkonstellationen nur schwerlich aufrecht erhalten. In der französischen Revolution brach sich der neue Geist Bahn und fegte die alte Ordnung der Bourbonenkönige blutig aus der Weltgeschichte. Obwohl die Entwicklung schon bald ihre totalitäre Facette zeigte, überdauerten aufklärerische Rufe nach bürgerlichen Freiheiten und Rechten dieses kurze Intermezzo, das von Intellektuellen in der ganzen Welt gebannt verfolgt wurde.
Auch im übrigen Europa wurde der Wert nach freiheitlichen Werten immer lauter. In Deutschland forderte man in der Zeit des Vormärz Bürger- und universelle Menschenrechte, demokratische Partizipation des Volkes, Pressefreiheit, eine Gerichtsbarkeit, der sich jeder Bürger gleichermaßen zu unterwerfen habe, Beseitigung adliger Privilegien. Es war der liberale Geist, der sich auch im Deutschland der Biedermeier-Zeit Bahn brach. Von Reaktionären in der Folge unterdrückt, konnte das eins Gedachte jedoch nicht zurück genommen werden. In der Retrospektive waren gewachsene Strukturen fortan in einem immerwährenden Rückzugsgefecht. Mit dem Individualismus, Kapitalismus, Kommunismus oder Futurismus traten miteinander rivalisierende Menschenbilder und Gesellschaftsmodelle an deren Stelle. Diese Tendenz beschränkte sich bekanntlich nicht auf den europäischen Raum, sondern erfasste in seinen unterschiedlichsten Ausprägungen auch die letzten Winkel unserer Erde.

Auch sehr praktisch brachte der europäische Mensch das Licht und die „Kraft des Guten in die Welt“: Nach Afrika, Nord- und Südamerika sowie in Asien und Australien brachte man mit Feuer und Schwert die Segnungen der alten Welt. Die als rückständig betrachteten Lebensweisen, die man bei den indigenen Völkern vorfand, hatten im Kosmos des europäisch sozialisierten Menschen nur den Platz am Ende der Tafel des Teufels. Später gewann die „Einsicht“ Oberhoheit, dass die als minderwertig anzusehenden Indigenen zumindest soweit lernfähig seien, dass sie durchaus die überlegene europäische Lebensweise annehmen könnten, wenn man ihn diese nur hart genug beibrächte. Die Folge waren Völkermorde und die Zerstörung oder Verstümmelungen indigener, teils jahrtausendealter Traditionen.

Was hat das Ganze mit Konflikt zu tun?

Auf die Frage „Was ist rechts“ gibt es zahllose Antworten, manche mehr, andere weniger befriedigend. Im angeführten Beispiel wird einer Geisteshaltung das Wort geredet, die für eine Vielzahl der Rechten in ihrer Konsequenz problematisch sein dürfte:

Von Rechts lässt sich diese Auffassung aus zwei Perspektiven kritisieren: In seinen Grundzügen ist diese Weltsicht universalistisch: Überall ließen sich die gleichen rationalen Schlüsse für die Lebensführung, den Blick auf die Welt und für das Geistesleben ziehen. Für organisch gewachsene Weltbilder und Lebensweisen ist hier nur so lange Raum, wie sie nicht mit dem Diktat der Vernunft kollidiert. So ist im utopischen Endzustand einer aufgeklärten Welt kein Platz für verschiedene Religionen, voneinander abweichende Gesellschaftsordnungen oder Wertsysteme, die sich fundamental unterscheiden.

Dieser Absatz entstammt original einem älteren Artikel auf diesem Blog – allerdings handelte es sich hier beim Objekt der Betrachtung um den Liberalismus. Je nach Definition lässt sich wertungsfrei die Frage aufwerfen, inwiefern das eingangs umrissene Bild vom Rechten deckungsgleich mit dem des Aufklärers und Liberalen ist. Problematisch bleibt die Frage, welche Implikationen ein solches Selbstverständnis in sich birgt. In einer Welt, in der vermeintlich das Gute, Wahre und Schöne ergründet wurde, ist schwerlich Platz auf Augenhöhe für alternative Lebensweisen, die andere Wertvorstellungen, Lebensmodelle, eine andere Einstellung zum technischen Fortschritt oder zur Unterwerfung der Natur beinhalten, da diese zwangsläufig als defizitär gelten müssen. In Anbetracht ökologischer Katastrophen, der Verelendung großer Teile der Welt, spiritueller Krisen ganzer Völker, zunehmender Technisierung des Lebens und des allgemeinen Schwindens des kulturellen Erbes in großen Teilen der Welt darf eine solche Einstellung als fragwürdig angesehen werden. Zumindest der im Widerstandsmilieu gut repräsentierte Ethnopluralist, der verschiedenen Kulturen und Lebensweisen einen gleichberechtigten Rang einräumt, dürfte hiermit seine Schwierigkeiten haben.

Die Frage nach dem Inhalt einer rechten Lebenseinstellung soll hier nicht weiter thematisiert werden. Einigkeit scheint in der diffusen Einsicht zu bestehen, es gäbe im Kern unseres Volkes Konstanten, die es zu bewahren gäbe. Ob diese ausgerechnet in diesen, oben grob umrissenen Irrungen und Wirrungen der europäischen Geistesgeschichte zu finden sind, bleibt fraglich.

Daran anknüpfend:

Für die Liberalen

Liberalismus ist auch keine Lösung

Die Politik, die Metapolitik und die Philosophie I – Die Politik

Die Politik, die Metapolitik und die Philosophie II – Die Metapolitik

Die Politik, die Metapolitik und die Philosophie III – Die Philosophie