Mehr Platon. Teil 2

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Platons Einfluss

Seit mehr als 2.500 Jahren bemüht sich die Philosophie um eine Definition der Seele: Homer glaubte, sie würde mit der Geburt in den Menschen hineingehen und ihm nach dem Tod entweichen; Epikur dachte, sie würde mit dem Körper sterben; bei Platon gilt sie als geteilt: Im Großteil sei die Seele unsterblich, nur der Teil des Begehrens müsse mit dem Körper vergehen. Das Christentum geht hier noch einen Schritt weiter: Die Seele verlässt den Körper nach dem Tod und steigt auf zu Gott in den Himmel – wenn sie nicht in der Hölle verendet oder vor dem Erlangen des Himmelreichs im Fegefeuer gereinigt werden muss – wo sie nichts empfindet als das Glück, Gott zu schauen.
Platon bewegte jedoch nicht nur die Seelenlehre, sondern unter anderem auch die Frage nach dem Ursprung und der tatsächlichen Wirklichkeit. Da beim Nachdenken über die Welt die Menschen sich in eben dieser wieder finden und nach und nach mit ihren Sinnen die Systeme und Ordnungen der Natur, der Menschen und vielem mehr erkennen. Diesen Prozess beschreibt Platon im siebten Buch der Politeia mit dem Höhlengleichnis (siehe Teil 3). Nach seiner Ideenlehre sind die Ideen das, was wirklich ist. Die Menschen nehmen jedoch nur die Schatten ihrer wahr. (Darin unterschied sich Platons Philosophie grundsätzlich von der seines Schülers Aristoteles, der präzisen wissenschaftlichen Erkenntnissen a posteriori größeren Wert zusprach.) An dieser Philosophie bediente sich die Kirche schon früh, um die Jenseitigkeit Gottes zu verbildlichen. Die „Unzugänglichkeit“ Gottes wird in Anlehnung an Platon so aufgefasst, als wäre da so etwas wie eine Wand zwischen Welt, Menschen und Gott. Hieraus ergibt sich, dass es besondere, zu dieser Aufgabe berufene Menschen braucht, die als Vermittler auftreten. Mit den Aposteln, die von Christus für eben diese Aufgabe in die Welt geschickt wurden, war das Priestertum geschaffen, woraus sich mit Petrus als erstem Papst die bis heute bestehenden Ämter der römisch-katholischen Kirche entwickelten.
Aber auch auf simplerer Ebene finden sich in Platons Politeia schon einige gedankliche Parallelen oder Hindeutungen zum späteren Christentum. Wie die Philosophenkönige, die in Platons Staat herrschen sollen, weil sie das Gute erkennen, sind es seit Anbeginn des Neuen Bundes die Priester, die durch ihre Berufung und Ausbildung als Hirten auf Erden dienen sollen. Oder der Gedanke, dass niemand geschädigt werden soll und der Ungerechte durch Zufügung von Schaden sich nicht bessern wird, sondern durch Vergebung. Auch ist der Gerechte dann nicht mehr gerecht, „sondern das ist die Aufgabe des Gegenteils, des Ungerechten“ andere zu schädigen. Mit dem Ausspruch
„Dass nämlich die Gerechten verständiger, tüchtiger und tatkräftiger sind, während die Ungerechten nichts miteinander erreichen können – allerdings sagen wir mitunter, ungerechte Leute hätten einmal in gemeinsamer Tat etwas Großes vollbracht, aber da irren wir gründlich! Denn sie würden sich in die Haare geraten, wenn sie durchaus ungerecht wären; vielmehr wohnt ihnen noch ein Rest Gerechtigkeit, der sie hindert, gegen sich selbst so ungerecht zu verfahren wie gegen Feinde (…) und so gehen sie an das Verbrechen heran, ohne selbst ganze Verbrecher zu sein“
wird eine Güte, die in jedem Menschen vorhanden ist, angenommen. Jeder Mensch hat immer wieder die Chance, sich zum Guten zu verändern und kann gerettet werden.
Und genauso selbstverständlich die Annahme der Vollkommenheit Gottes für jeden Theismus scheint, so markant ist doch die Formulierung eben dieser im zweiten Buch der Politeia:
„Völlig frei von Irrtum und Trug ist also alles Göttliche! (…) Also ist Gott offensichtlich von einfach-einheitlichem und wahrhaftem Wesen in Wort und Werk, wandelt sich weder selbst, noch täuscht er andere, nicht in Erscheinung, in Worten, in Zeichen, der er entsendet, nicht im Wachen noch im Traum!“
Diese Erläuterung erinnert außergewöhnlich stark an die spätere, christliche Beschreibung Gottes, der in allen Eigenschaften vollkommen perfekt ist und der sich nicht wandelt: Gottes Wille und Gottes Gesetz bleiben immer gleich. Unser Leben ist nicht vollends determiniert, doch Gott kennt jede Möglichkeit, die sich aus jeder Weggabelung im Leben ergibt.
Als spätere Mixtur aus rationalem Denken und mystischer Intuition wirkte auch der Neuplatonismus auf christliche Denker. Beispielhaft steht hier Augustinus, der eine immense Wirkung der spätantiken Weltanschauung zu Tage brachte: Aus dem begrifflich nicht fassbaren, erhabenen Einen gehen alle weiteren Formen der Existenz hervor. An oberster Stelle steht der Geist, als höchster Geist eben Gott, worauf stufenweise alles andere folgt, wie etwa die Chöre der Engel; dann auf unterster Ebene alles Materielle – der Mensch mit Seele und Leib – darunter Tiere und Pflanzen. Jedoch will alles zu dem Einen, zu Gott, zurückkehren und die Materie hinter sich lassen.

Dass auch das politische Denken und Handeln der frühen Muslime seine Wurzeln nicht allein in Arabien hatte, hat Ulrich Rudolph in seinem Text „Zwischen Platon, Ardaschir und Mohammed: Politische Philosophie in der islamischen Welt“ besonders erläutert. Neben dem Koran als Bericht des sogenannten Propheten Mohammed und Gründungsdokument des Islam, Verträgen, die er als Leiter des muslimischen Gemeinwesens geschlossen hat, sowie der Hadith, die Überlieferung von Aussprüchen und Taten, ethischen, politischen und juristischen Ratschlägen, die auf ihn zurückgehen enthält, wird Mitte des 8. Jahrhunderts Einfluss von außerhalb sichtbar. Mehrere Briefe von Aristoteles werden aus dem Griechischen ins Arabische übersetzt. Darauf folgen immer mehr philosophische Texte aus dem antiken Griechenland, die Ratschläge für das Leben als Individuum und in der Gemeinschaft enthalten und sich schnell großer Beliebtheit erfreuen. Nachdem im 9. Jahrhundert Übersetzer den arabischen Lesern ermöglichten, die Nikomachische Ethik und Teile der Politik des Aristoteles zu lesen und Platons Staat, die Gesetze und den Staatsmann zu rezipieren – nicht im Original, dafür in einer Art Kompendien – begannen Muslime im 10. und 11. Jahrhundert die antiken Werke als Grundlage für eigene philosophische Arbeit zu nutzen und im Diskurs über Gesellschaft und Staat ihre eigene Stimme einzubringen.
In dieser Epoche der islamischen Welt findet sich neben Werken von Avicenna oder den Ideen der Iqta besonders beispielhaft ein stark an Platons Politeia angelehnter Text von Abū Naṣr al-Fārābī: „Die Prinzipien der Ansichten der Bürger eines vortrefflichen Staates“. Er beschreibt ausführlich, wie seiner Ansicht nach der ideale Staat aufgebaut sein sollte, wobei der Zustand eines Gemeinwesens stark von Tugend und Intellekt des Herrschers abhängt. Wahrheitsliebend, gerecht und entschieden soll er sein und insbesondere intellektuellen Fähigkeiten mitbringen. Denn nur mit ihrer Hilfe könne es dem Herrscher gelingen, den Staat nach bester Erkenntnis in Theorie und Praxis zu leiten. Wir sind also beim Philosophenkönig Platons angekommen.
Allerdings reicht al-Fārābī dies bei der Beschreibung seines Herrschers nicht aus und geht noch weiter als Platon. Das Staatsoberhaupt soll nicht nur Philosoph, sondern auch Prophet sein. Da die meisten Menschen die Erkenntnis des Philosophenkönigs sowieso nicht verstehen, findet al-Fārābī, dass ihnen die Wahrheit nur mittels Rhetorik, Poetik und bildhaften Gleichnissen klar gemacht werden könne.
für al-Fārābī ist politisches Denken laut Ulrich Rudolph kein Selbstzweck, sondern
„Teil eines umfassenden philosophischen Programms, das in sich kohärent sein und Anliegen der Ethik („das Glück des Menschen“) mit solchen der Noetik („die Aktualisierung des menschlichen Intellekts“) und der Metaphysik („die Einordnung des Menschen in die Struktur des Seins“) verbinden“
muss. All dies stellt eine Fortsetzung griechischer, insbesondere platonischer Philosophie dar, versehen mit neu dazu gekommenen Elementen wie der Prophetie, dem Verhältnis zwischen Religion und Philosophie und der Art, wie den Menschen die Wahrheit vermittelt werden soll – welche jedoch hinsichtlich des politischen Perfektionismus erneut an Platon erinnert.

Mit der Überzeugung, dass es die Vernunft ist, die uns die Welt verstehen und Wissen erlangen lässt und nicht Wahrnehmung – wie es etwa sein Dialogpartner Theätet in seiner ersten Definition des Wissens glaubt – schuf Platon die Grundlagen für den Rationalismus des 17. und 18. Jahrhunderts. In dieser Zeit finden sich Philosophen wie René Descartes, Baruch de Spinoza oder Gottfried Wilhelm Leibniz. Sie teilen die rationalistische Einstellung, dass Menschen durch a priori-Überlegungen, also über reinen Vernunftgebrauch zur Erkenntnis über die Realität, die Existenz Gottes (siehe Descartes‘ Gottesbeweis) oder das Wesen, den Aufbau der Seele kommen können. Im Gegensatz dazu beschränken sich Empiriker auf die Dinge, die sie mit den Sinnen wahrnehmen können und glauben, darüber zu Wissen zu kommen. Dies widerspricht natürlich Platons Ideenlehre von der realen Welt der Ideale und der sichtbaren Welt der Schatten. Die Erkenntnis, die Platon anstrebt, übersteigt also die Erfahrung. Durch Erinnerung an die vor der Geburt „geschauten“ Ideen könne aber die Wahrheit der a priori-Überzeugungen festgestellt werden, während beispielsweise Descartes sich auf den seiner Ansicht nach bewiesenen Gott als „Garanten der Wahrheit“ verließ. Rationalisten unserer Zeit argumentieren, dass a priori-Feststellungen die Grundlage für empirische Forschung darstellen und daher unverzichtbar sind. Auch in der Ethik und Rechtsphilosophie wurde der sich eigentlich auf die Erkenntnistheorie berufende Rationalismus angewandt, wo sich aus ihm Grundsätze der Moral oder des Naturrechts ergeben sollten. In der Religionsphilosophie folgte zunächst der Deismus rationalistischen Ansätzen, wenn er fundamentale religiöse Prinzipien postuliert, die erkennbar seien. Das lässt eine historische Offenbarung überflüssig erscheinen. So schuf Platon eine Basis, auf der verschiedenste Theorien und auch neue Disziplinen der Metaphysik aufbauen, nämlich die rationale Theologie, die nach einer ersten Ursache fragt und die rationale Psychologie als Philosophie des Geistes.


Literaturverzeichnis

1. Primärliteratur:
– Platon: Der Staat. Stuttgart: Reclam 2012.
– Platon: Sämtliche Werke. Band 1. (Apologie, Kriton, Ion, Hippias 2, Theages, Alkibiades 1, Laches, Charmides, Euthyphron, Protagoras, Gorgias, Menon, Hippias 1, Euthydemos, Menexenos.) Hrsg.: Burghard König, Hamburg 2019.
2. Sekundärliteratur:
– Buckingham, Will; Burnham, Douglas u.a.: Das Philosophie-Buch. München:
Dorling Kindersley 2011.
– Kytzler, Bernhard: Platon – Das Höhlengleichnis. Sämtliche Mythen und Gleichnisse. Berlin: Insel Verlag 2017.
– Meyer, Martin: Platon und das Sokratische Pragma, in: Bochumer Philosophisches Jahrbuch für Antike und Mittelalter 9. Hrsg.: John Benjamins B.V. Amsterdam 2004.
– Nimtz, Christian: Rationalismus, in: Ders., Jordan, Stefan (Hrsg): Grundbegriffe der Philosophie. Ditzingen: Reclam 2009.
– Anonym: „Rationalismus“. Abgerufen unter: https://dewiki.de/Lexikon/Rationalismus am 08.09.2021.
– Fischer, Holger: Philosophische und politische Einflüsse auf die Kirche. Abgerufen unter http://theologischetexte.over-blog.com/2017/05/antike-philosophie-und-kirche.html am 05.09.2021.
– Haertel, Brigitte: Die Seele – mehr als ein abstrakter Begriff. Abgerufen unter https://www.katholisch.de/artikel/20674-die-seele-mehr-als-ein-abstrakter-begriff am 05.09.2021.
– Rudolph, Ulrich (2019): Zwischen Platon, Ardaschmir und Mohammed: Politische Philosophie in der islamischen Welt. Abgerufen unter https://www.degruyter.com/document/doi/10.1515/9783110664836-023/html am 04.09.2021.

Titelbild: bearbeitet nach
https://www.nzz.ch/feuilleton/platon-das-wesentliche-seines-denkens-steckt-im-ungesagten-ld.1623820 (28.11.2021)

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