Prinzip „Betreuung“ Teil 2 – Von der Degeneration

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Seit Wilhelm von Humboldt setzt unsere Volksbildung weltweit Maßstäbe. Ihre Erosion hat jedoch längst eingesetzt und steht ganz im Sinne der allgemeinen Infantilisierung und Politisierung. Lehrer und Publizist (Compact, Sezession) Heino Bosselmann unternahm in Teil 1 eine schonungslose Bestandsaufnahme unserer bundesdeutschen Bildungslandschaft: Prinzip „Betreuung“ Teil 1 – von der Volksbildung zum Hofstaat

Woher aber rühren all die kognitiven und sprachlichen Defizite, die wieder und wieder getestet und an denen dann mit immer neuen Programmen und Initiativen laboriert wird? Ein Drittel aller Erstklässler in Mecklenburg-Vorpommern hat gravierende Sprachstörungen, schrieb die Rostocker Ostsee-Zeitung. Schon gibt es Klassen, in denen zwei Drittel der Schüler irgendeine „Diagnose“ mitbringen: Legasthenie und Dyskalkulie ohnehin, weil für diese Zuschreibungen schon schwache Rechtschreibung und problematische Matheleistungen ausreichen, ferner „sozial-emotionalen Förderbedarf“ und ebensolchen im Lernen, immer gestaffelt nach präventiver oder dringlicher Förderungssituation.

Für diese Kinder gibt es „Förderpläne“, viel beschriebenes Papier in anwachsenden Aktenordnern, mit dem Ziel, sie gemäß der als Segnung dargestellten Inklusion irgendwie durchzuziehen und einen Abschluss zu ermöglichen, der den Anschein erweckt, sie wären sehr erfolgreich gewesen und könnten diese Bilanz in der Arbeitswelt fortsetzen.

Man lese die „Standards der Diagnostik für die Schulen Mecklenburg-Vorpommerns“, stolz verteilt vom Kultusministerium und im Internet aufrufbar. Es finden sich darin eine Menge bizarrer Beschreibungen wie etwa das „maladaptive Verhaltensmuster in Abweichung von kultur- und zeitspezifischen Normen mit organogenem und milieureaktiven Ursachen“. Man weiß danach, was an den Schulen los ist. Sie reduzieren sich mittlerweile weitgehend auf ein sozialpädagogisches Betreuungsprogramm mit minimalstem Bildungsanspruch, so dass man sich darüber wundert, weshalb immer noch etwa zehn Prozent ohne Schulabschluss bleiben, wo doch für die Attestierung“ der Berufsreife nicht etwa Prüfungen zu bestehen wären, sondern eine physische Anwesenheit völlig ausreicht.

Aber nicht nur die Probleme verlangen nach Diagnosen, sondern umgekehrt konstituieren die Diagnosen die Probleme in der Art selbsterfüllender Prophezeiungen. Da die einstigen Förderschulen fatalerweise aufgelöst wurden und sich deren Lehrkräfte den Regionalschulen irgendwie als Reisekader beigeordnet finden, bedarf es eines gewissen Anteils von „Förderungen“ schon als Arbeitsbeschaffungsprogramm.

Man scannt ganze Klassen mit diversen Tests daraufhin ab, wer denn wohl eine Auffälligkeit zeigen könnte, die eine sonderpädagogischen Betreuung rechtfertigt. Statt erzieherisch Haltungen auszubilden, aus denen heraus Schüler motiviert und anstrengungsbereit Herausforderungen annehmen, werden sie zu Fällen für die Fördervereinbarung, in deren Folge ihnen zugetragen wird, was sie sich selbst erarbeiten müssten, um ihr Können auszuprobieren, praktisch einzuüben und stolz auf den eigenen Erfolg zu sein.

Um Erziehungsziele wie Ausdauer, Bedürfnisaufschub, Konzentration und Gründlichkeit geht es in all den Handreichungen des Ministeriums nirgendwo. Stattdessen schrumpft der Heranwachsende zum Förderfall, der nach Jahren des „erhöhten Präventionsbedarfs“ überhaupt nicht mehr in der Lage ist, aus eigenem Anspruch und mit eigener Kraft und Selbstvertrauen zu arbeiten.

Die „Maßnahmekarrieren“ des Jobcenters beginnen mit dem Hospitalismus der Ganztagsschule, deren fragwürdige Aufgabe es neuerdings ist, Limitierungen und Verhaltensstörungen eher zu betreuen, als Wege zu weisen, wie ein junger Mensch selbstständig und erfolgreich leben könnte, wenn er innerhalb einer zehnjährigen Schulzeit eine Idee vom eigenen Selbst entwickeln würde und dazu über Fähigkeiten verfügte, die ihn auf sein eigenes körperliches und geistiges Vermögen sowie idealerweise auf seine Talente vertrauen ließen.

So wie viele Kinder sichtlich physisch degenerieren – man frage Sportlehrer –, retardieren sie geistig. Nicht trotz, sondern wegen des Bildungssystems!

Kinder wollen von Natur aus jedoch eher gefordert als gefördert sein. Die psychologische Diagnostik sollte echten Problemfällen vorbehalten bleiben, die sich nicht zu helfen wissen. Der Heranwachsende kann aber genau das lernen, wenn er dazu erzieherische und didaktische Impulse erhält. Ein Förderfall wird meist ein Förderfall bleiben – in der Schule wie im Leben.

Folge uns Heino Bosselmann:

Heino Bosselmann, geboren 1964, aufgewachsen in der Prignitz, studierte in Leipzig Deutsch, Geschichte und Philosophie für das Lehramt an Gymnasien.

  1. Buckliger

    „Physisch retardieren“

    Ich war bereits von Geburt an genetischer Humbug, man hätte hier einfach auf Sir Francis Galton hören sollen; oder seinen deutschen Vertreter Hans F. K. Günther. Ist nur leider nicht passiert, somit hat man mirs Leben aufgebürdet. In der Sezession wurde mein Kommentar von Kubitschek entfernt.

    Weil ihr alle eben gar nicht groß leiden müßt. Ich habe mit sechzehn Schopenhauer entdeckt — seine „bullige Wucht“, wie Arno Schmidt es wohl ausdrückte, hat auch mich fasziniert. Die Verachtung des Lebens — genial. Nur leider wird das kaum aufgegriffen.

    Daß wir durch die Ausscheidungsorgane in die Welt kommen, ist schon ein starkes Stück. Die Sexbesessenheit unserer Zeitgenossen — man denke an Zitelmann, dieses Ekel — erlaubt hierüber leider keine Reflektion.

    Das ist die Schwachstelle der Rechten: der Atheismus. Wofür soll ich denn überhaupt leben, wenn ichs Leben doch haße? Ich erhängte mich 23, kam mit 30 zum Glauben an Christum Jesum. Nun heißt es durchhalten; Schopenhauer trat in den Hintergrund, dagegen Kierkegaard in den Vordergrund.

    Ich bin nicht nur bucklig und häßlich, sondern auch Gemütskrank, was ein Leben unmöglich machte. Daher die Frage: wofür soll ich mich groß körperlich anstrengen? Schöner werde ich dadurch nicht aussehen, und falls ich dadurch länger leben sollte, ist mir das ja erst recht wurscht. Denn ich verlange nach dem Tod — Philipper 1:21-23 –, hatte mich nie mit der heutigen Lebensgier anfreunden können. Ich möchte selbst entscheiden, ob ich leben möchte; ganz zu schweigen vom abstoßenden Vorgang, der einen in die Welt schneuzt! Hier war ja Schopenhauer der erste, der den Finger in die Wunde legte, und die physiognomie des Aktes selbst anprangerte. Zu recht.

    Außerdem war Oswald Spengler ziemlich dick geworden, und Goethe wird kaum Liegestütz absolviert haben. Ein Autor, der wie Zitelmann aussieht, ist ja schon dadurch eine Lachfigur. Daß der dann auch noch entsprechend verkommen sein Leben gestaltet hat — mit fünfzig noch in die Disco, Frauen haben, die die Enkelin sein könnten: da wird einem schlecht.

    Also daher meine Bitte: wenn man sich philosophsich äußern möchte, dann nur tief. Ansonsten gar nicht. Ein Atheist, der das Leben genießt, ist ein Dummkopf, und dazu gefühllos.

    Wie Gómez Dávila schrieb: „Der Gläubige ist dem Ungläubigen überlegen, denn der Unglaube ist eine Lösung während der Glaube ein Problem darstellt.“

    Oder, in meinen abgewandelten Worte: Wäre ich nicht gläubiger Christ, ich erhängte mich ganz wie Philipp Mainländer.

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