Vom Wert und seiner Schätzung

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Es gibt Dinge, die erblicken nur dann das Tageslicht, wenn man sie gerade benötigt. Toaster etwa oder Ventilatoren, Schlittschuhe und Schlafsäcke zählen zu solcherlei Saisonartikeln. Sie fristen außerhalb ihrer kurzzeitig begehrten Funktionalität zumeist ein trostloses Dasein in verstaubten Kellerschränken oder – unter einem Berg Nutzlosem verborgen – auf dem zugigen Dachboden.
An diese leichte Patina aus Schmutz und Gebrauchsspuren erinnert ein weiteres Ding, das unlängst aus der Fast-Vergessenheit hervorgezerrt wurde: „Unsere Werte“. Ein fader Beigeschmack ist garantiert, denn nach den politmedialen Verlautbarungen, die man uns seit Wochen in Dauerwiederholungsschleifchen um die mit rechtsradikalem Schmalz verstopften Ohren haut, werden selbige nunmehr „am Donbass verteidigt“. Kann man drauf kommen, muss man aber nicht.
Jedenfalls bin ich nicht ganz sicher, ob Selenskyj oder Melnyk meine Werte teilen. Vielleicht teilen sie meine musikalischen und literarischen Vorlieben, vielleicht aber auch nicht.
Nun weiß ich natürlich, dass die gut geölte Kriegspropagandamaschinerie mit „unseren Werten“ nicht meine persönliche Begeisterungsfähigkeit für Goth Rock und Klonovsky meint. Es geht um übergeordnet Werthaltiges wie Demokratie, Freiheit, Menschenwürde und allerlei sonstige Nettigkeiten, die einer westlichen zivilisierten Gesellschaft ihre Prägung verleihen.
Es ist allerdings so eine Sache mit Begriffen, die zwar Reden und Bücher schmücken, aber erst durch konkrete Definitionen Form erhalten und ihren Inhaltskern preisgeben. Demokratie? Ist das, was der Zementierung unserer Machtstrukturen dient. Freiheit? Ist die, die wir dir gewähren. Menschenwürde? Wem sie unter welchen Bedingungen zusteht, entscheiden wir. Heimat? Ist immer die der anderen. Vaterland? Für die, die ihren Fuß auf seinen Boden zu setzen vermögen, während wir alles tun, sie nicht davon abzuhalten.
Dies alles bleiben unabhängig der ihnen von Herrschaft und Zeitgeist zugeschriebenen Eigenschaften gleichwohl Werte, aber eben solche fremdbestimmter Natur, mithin keineswegs „unsere“. Denn ich und „meinesgleichen“ wurden und werden nicht gefragt, wie wir diese Werte definieren, wann sie für uns Werthaltigkeit entfalten. Werte, die ich notfalls auch zu verteidigen bereit wäre. Vermutlich immer noch nicht am Donbass, aber das wäre der Streit um des nackten Kaisers Beinkleider.
Und wie steht es nun schlussendlich ganz generell um diese „unsere“ Werte und ihre Verteidigung?
Es ist so wie es ist mit Dingen, die man nur dann hervorzerrt, wenn man sie braucht, die aber sonst entwertet, verpönt und mit Schmutz überschüttet werden: Man ist im Zweifelsfalle geneigt, auf sie zu pfeifen.