Wider die rechte Political Correctness Teil 1

Veröffentlicht in: Metapolitik, Theorie | 0

Zurecht klagt man im bürgerlich-konservativen wie im patriotischen Milieu über sich verkleinernde Meinungskorridore, die das Denk- und Sagbare kontinuierlich in Richtung links-grüner Kulturhegemonie einschränken. Als wirksame Maßnahme hat man den Aufbau einer Gegenkultur erkannt, die mit eigenen Medien Räume für alternative Denkansätze und Künstler schafft. Die Entstehung eines Mosaiks aus Zeitschriften, Blogs, Telegramkanälen, YouTube-Kanälen, Musikern und vielem mehr ist wohl eine der wenigen Erfolgsgeschichten, die das patriotische Lager seit seinem Aufbruch 2015 zu erzählen hat.

Auch im Lager der Mosaikrechten setzen – wie in jedem sozialen Gefüge – gruppendynamische Mechanismen ein, die sich in gemeinsamen Ikonen, einem Mode- und Lifestyle, einem vergleichbaren Humor, eigenem Vokabular äußern. Diese verbinden und fungieren als wichtiges Kommunikationswerkzeug. Was auf der einen Seite als sozialer Klebstoff für ein Sammelbecken von Querköpfen, rastlosen Hauptstromverweigerern und mutigen Streitern für die Wahrung der eigenen Identität fungiert, birgt jedoch auch eine Gefahr: Die der Verflachung, der Anpassung an ein alternatives Meinungsklima, des Austausches alter Meinungskorridore durch neue. Verklärt wird der Anspruch eigener Überlegenheit durch die Selbstinszenierung als Avantgarde, die dem Zeitgeist geistiger Entmündigung und verweichlichter Passivität abgeschworen hat, intellektuell alten Reaktionären um Lichtjahre voraus ist und an mystifizierte Denktraditionen der Konservativen Revolution anknüpft. Ein selbst aufgebauter Nimbus, der sich in Anspielungen auf die Schriften großer Denker (etwa Ernst Jüngers „Stahlgewitter“, den „Waldgang“ oder Friedrich Nietzsches „Wille zur Macht“), fein säuberlich inszenierten Kaplakenbändchen in den sozialen Medien, argumentativ dünnem aber rhetorisch gewaltigem Dauerfeuer auf Außenstehende, entlädt, verleitet unweigerlich zu geistiger Trägheit, die der des verachteten politischen Gegners gleicht.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Ziel dieses Essays ist es nicht, ehrwürdige Denktraditionen, schöpferische Denker oder verdiente Aktivisten zu diskreditieren. Die Kritik richtet sich gegen diejenigen, die sich in die Pose eines digitalen Freikorpskämpfers setzen, während sie lediglich Worthülsen bedienen.

Auch diese Leute erfüllen in begrenztem Rahmen eine nützliche Funktion – sie fungieren als Multiplikatoren kluger (fremder) Gedanken und Visionen und konsumieren patriotische Produkte, etwa in Form von Lifestyle-Accessoires und im besten Falle auch Printerzeugnissen. So sichern sie das materielle Überleben derer, die mit Innovation, Schaffenskraft und einer gehörigen Portion Mut den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt haben. In Zeiten zunehmender Repression gegen alle, die sich aus der gutbürgerlichen Deckung wagen, ist das fraglos ehrenwert.

Als eigenständige Leistung ist dieses Verhalten nicht zu werten, vielmehr gleicht es dem Konsumverhalten des Hauptstroms, über den man sich erhaben glaubt. Netflix auf dem Flatscreen ja – aber bitte ohne Schwarze. Traditionen sollten selbstverständlich erhalten werden – zum Serienmarathon gibt es jedoch TK-Pizza anstelle von Grünkohl oder Königsberger Klopsen. Konsumverhalten und Globalisierung sind der Tod für die Gemeinschaft – aber ein neues Smartphone mit besserer Kamera dient der Aufwertung des Instagramaccounts. Kapitalismus bringt Tod und Verderben über die Welt – aber warum den Wohlstand nicht genießen, wenn er schon da ist? Regionalismus? Auf jeden Fall! Aber wozu der Gang zum Wochenmarkt, wenn es auch alles von „Gut und Günstig“ gibt? Die geistige Fackel muss im „Land der Dichter und Denker“ weitergetragen werden! Aber wer soll dieser Schopenhauer sein?

Themenverwandt: „Die Politik, die Metapolitik und die Philosophie Teil 1“

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