Yukio Mishima – Ein Leben als Kunstwerk

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Das Ende des zweiten Weltkrieges ist im Bezug auf die dadurch einhergehenden kulturellen und gesellschaftlichen Umwälzungen das wahrscheinlich wichtigste Ereignis der Menschheitsgeschichte seit der französischen Revolution. Ein Land, welches diese Veränderungen deutlicher als kaum ein anderes spüren sollte, ist Japan. Mit der Kapitulation der kaiserlichen Armee wurde in Japan eine Zeit der Ungewissheit und der kulturellen Selbstabschaffung eingeläutet. Durch die amerikanische Besatzung wurde die einst stolze Kultur Japans zunehmend verwestlicht. Als Kaiser Hirohito dazu gezwungen wurde seine göttliche Abstammung zu leugnen, starb eine jahrtausendealte Tradition.¹ Der letzte Vertreter einer primordialen uranischen Weltanschauung musste sich nun dem kosmopolitischen Kapitalismus des Westens beugen. 

Dieser Wandel hinterließ deutliche Spuren in der Bevölkerung Japans. Ein einst stolzes Volk hatte nun mit Demütigung, kultureller Entmündigung und Resignation zu kämpfen. Die allgemeine Stimmung des Landes prägte die Literatur dieser Jahre maßgeblich. Ein wichtiger Vertreter dieser Literaturepoche ist Yukio Mishima.

Mishima wurde am 14. Januar 1925 in Tokio als Kimitake Hiraoka geboren. Als Kind war er häufig krank und galt eher als schmächtig. Sein Pseudonym nahm er mit Beginn seiner Tätigkeit als Schriftsteller an, da er nicht vor seinem martialisch geprägten Vater, welcher sein Interesse für Literatur missbilligte, in Ungnade fallen wollte. Seine Familie besitzt aristokratische Wurzeln. Die Familie seines Vaters diente seit vielen Generationen dem Schwertadelsgeschlecht des Maeda-Klans und seine Mutter war die Enkelin eines Daimyō-Fürsten, demzufolge war Mishimas Erziehung stark durch militärischen Drill und körperliche Züchtigung geprägt. Die ersten Jahre seines Lebens verbrachte er, vom Rest seiner Familie getrennt, bei seiner Großmutter, welche Mishimas Interesse für das traditionelle japanische Theater weckte. Später verfasste er selbst einige moderne -Stücke. Seiner Großmutter war es auch zu verdanken, dass Mishima eine Privatschule für Angehörige des japanischen Adels besuchen durfte, an der sein literarisches Talent gefördert wurde. Noch während seiner Schulzeit konnte Mishima seine erste Kurzgeschichte in einer japanischen Literaturzeitschrift veröffentlichen.

Nach dem Krieg wurde Mishima von Yasunari Kawabata gefördert, welcher ebenfalls als Schriftsteller tätig war. Beide Autoren wurden 1968 für den Literatur-Nobelpreis nominiert. Obwohl Mishima sich lange nach diesem Preis gesehnt hatte, setzte er sich dafür ein, dass Kawabata ihn erhält, um sich für dessen Unterstützung zu revanchieren. Mit dieser Handlung zeigte er, dass ihm sein Ehrgefühl wichtiger war als sein Wunsch nach Anerkennung.

Die wichtigsten Themen, die in Mishimas Werken behandelt werden sind Patriotismus, Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin und die untrennbare Einheit von Eleganz und Brutalität. Mishima war der Meinung, dass die Kultur seines Heimatlandes nicht nur durch die ästhetischen Errungenschaften, wie in etwa Blumengestecke und Kimonos geprägt wurde, sondern vor allem durch dessen kriegerische Aspekte wie dem Samurai-Kodex. Schönheit und Grausamkeit waren für ihn zwei Seiten derselben Medaille und unverzichtbare Merkmale des japanischen Kulturbewusstseins.

Ein besonders exemplarisches Werk in der Bibliografie Yukio Mishimas stellt die Kurzgeschichte Patriotismus dar. Die beiden handelnden Personen sind ein ideales japanisches Ehepaar: ein Leutnant der japanischen Armee und seine Frau, beide kaisertreu und fromme Shintoisten. Nachdem einige Soldaten in den Reihen des Protagonisten bei dem Versuch scheitern, einen Putsch gegen die kaiserliche Armee auszuüben, wird dieser dazu verpflichtet, über seine Kameraden zu urteilen. Er selbst fühlt sich nicht dazu im Stande, seine Kameraden zu bestrafen, jedoch steht es für ihn auch außer Frage, seine militärischen Pflichten nicht zu erfüllen. Er entschließt sich daher, begleitet von seiner Frau, rituellen Selbstmord –Seppuku– zu begehen. Der erste Teil der Geschichte beschreibt, wie das Ehepaar sich fast mit einer gewissen Vorfreude auf ihren Suizid vorbereitet. Beide betrachten es als die höchste Ehre, im Namen ihres Vaterlandes zu sterben. Das für Mishima typische Motiv vom Zusammenspiel von Grausamkeit und Schönheit kommt hier besonders zur Geltung: Ein Kapitel beschreibt die Liebesbekundungen der Protagonisten, welche ihre letzte gemeinsame Nacht als Ehepaar ausleben, während im letzten Kapitel über jedes einzelne blutige Detail ihres Suizids berichtet wird. Die Kurzgeschichte Patriotismus ist vor allem dadurch, dass sie als eine Vorahnung auf seinen eigenen Suizid fungiert, ein besonders wichtiges Werk in Mishimas Bibliografie.

Mishima war begeistert vom Konzept des Krieges, und in seinem quasi-autobiografischen Roman Bekenntnisse einer Maske bezeichnete er die Zeit des Pazifikkrieges als die beste Zeit seines Lebens. Er war besessen von der Idee, einen glorreichen Tod zu sterben, und der Krieg sollte ihm reichlich Möglichkeiten dazu liefern. Als Mishima jedoch zum Militärdienst einberufen wurde, täuschte er eine Lungenkrankheit vor. Die Frustration über seine damalige geistige Zerrissenheit beschrieb er in Bekenntnisse einer Maske wie folgt: 

„Ich hatte höllische Angst vor den Luftangriffen, doch gleichzeitig sehnte ich mich in süßer Erwartung nach dem Tod. […] Das Leben hatte mich von Anfang an mit seinem Pflichtgefühl im Griff. Ich wusste zwar, dass ich diese Pflichten niemals würde erfüllen können, doch genau deswegen war das Leben eine einzige Folter für mich. Was für eine Erleichterung müsste es sein, diesem Leben durch den Tod zu entkommen. Das während des Kriegs beliebte Dogma vom Tod fand in mir seinen sinnlichen Widerhall. Sollte ich durch Zufall einen „verdienstvollen Tod im Feld“ sterben (auch wenn das ganz und gar nicht zu mir passte), würde ich mein Leben auf in der Tat ironische Weise beschließen. Ich würde in meinem Grab liegen, ein nie versiegendes Lächeln auf den Lippen. Doch kaum ertönten die Sirenen, rannte ich als Erster in den Luftschutzbunker…“²

Mishima war bei Weitem nicht nur als Schriftsteller tätig. Mitte der 50er Jahre begann er, Krafttraining zu betreiben und war zwischenzeitlich als Model aktiv, wodurch er sein Selbstbewusstsein massiv steigern konnte. Zusätzlich begeisterte er sich für die Kampfsportart Kendo. Er verachtete das klischeehafte Image des schmächtigen Intellektuellen, und lebte stattdessen den „zweischneidigen Pfad des Stiftes und des Schwertes“ – den Bun Bu Ryo Do. Sein Interesse am Bodybuilding wurde dadurch geweckt, dass er fürchtete, mit voranschreitendem Alter hässlich zu werden, – eine Furcht, welche er oft in seinen Schriften thematisierte. Mishima hatte hohe Ansprüche an sein äußeres Erscheinungsbild. Einen hässlichen Körper sah er als persönliche Schande an. Mit der Zeit nahm er exhibitionistische Züge an: bei einigen Foto-Shootings ließ er sich fast gänzlich nackt ablichten. Die „Kultivierung“ seines Körpers, wie er es bezeichnete, sollte auch eine Vorbereitung auf seinen Heldentod darstellen: Er erschuf ein lebendes Kunstwerk, um es letztendlich zu zerstören. In den 60er Jahren spielte Mishima in einigen Samurai- und Yakuzastreifen mit, wo er hauptsächlich die Rollen von hypermaskulinen Machos übernahm, oft führte er selbst Regie, und für den Film Karakkaze Yarō sang er sogar das Titellied.

Yukio Mishima führte ein zum Teil sehr widersprüchliches Leben. Auf der einen Seite kämpfte er für den Erhalt eines japanischen Nationalbewusstseins und verteufelte den westlichen Materialismus, auf der anderen Seite lebte er selbst in einem nach westlichn Stil entworfenem Haus, rauchte Zigarren und war begeistert von europäischen Autoren wie Rainer Maria Rilke, Oscar Wilde und Hans Christian Andersen. Unter anderem brachte er sich autodidaktisch französisch und deutsch bei.

Trotz – oder gerade wegen – seiner Treue zum japanischen Imperialismus, wagte Mishima es ein Tabu zu brechen, welches ihn bei vielen japanischen Patrioten unbeliebt machte: Er kritisierte den Tennō höchstpersönlich. Laut ihm war die Leugnung der kaiserlichen Göttlichkeit nämlich eine Respektlosigkeit gegenüber den gefallenen Soldaten, welche nun völlig grundlos ihr Leben geopfert haben.

Die Studentenproteste, welche 1960 durch das Kooperations- und Sicherheitsabkommen zwischen Japan und den Vereinigten Staaten entbrannten, lösten eine radikale Wende in Mishimas politischer Denkweise aus. Als Reaktion auf die hauptsächlich linksgerichteten Studentenbewegungen entschloss sich Mishima, seine eigene Bewegung zu gründen, welche er Tatenokai – auf deutsch „Schildgesellschaft“ – taufte. Die Tatenokai hatte einen stark militaristischen Charakter und wurde als Studentenmiliz angesehen. Der Zweck der Tatenokai war der Kampf gegen den Kommunismus, die Aufrechterhaltung des japanischen Nationalismus und die Verteidigung des Kaisers. Die Bewegung zählte zu ihren besten Zeiten 80 Mitglieder. Kritiker belächelten die Bewegung und bezeichneten dessen Anhänger als „Spielzeugsoldaten“, aber einige konservative Politiker sahen großes Potenzial in einer patriotischen Studentenbewegung und setzten sich für dessen Förderung ein. So erhielten die Mitglieder der Tatenokai Fördergelder vom damaligen Verteidigungsminister und die Möglichkeit, am Berg Fuji mit der japanischen Armee zu trainieren.

Am 25. November 1970 wurde Japan durch ein Ereignis erschüttert, welches weltweit als der Mishima-Vorfall bekannt werden sollte. Nachdem Mishima die letzten Seiten seines finalen Buches Tennin Gosui – Die Todesmale des Engels fertig stellte, begab er sich, begleitet von vier Mitgliedern der Tatenokai, zum Hauptquartier der japanischen Selbstverteidigungsstreitkräfte in Tokio. Unter dem Vorwand eines freundschaftlichen Besuches konnten sie in das Büro des Kommandanten Kanetoshi Mashita gelangen, wo sie diesen an einen Stuhl fesselten und sich verbarrikadierten. Anschließend trat Mishima zum Balkon des Gebäudes hinaus und hielt eine Rede an die anwesenden Soldaten. Er erklärte, dass er einen Putschversuch plante, durch welchen er die amerikanische Besatzung beenden und die Macht des Kaisers wiederherstellen wollte. Mishima forderte die Soldaten dazu auf, sich ihm anzuschließen, jedoch zeigten diese wenig Begeisterung und riefen ihm spöttisch zu, dass er vom Balkon herunter kommen sollte. Als er bemerkte, dass niemand sich dem Putsch anschließen wird, trat er zurück in das Büro, wo er sich, zusammen mit einem Mitverschwörer, den Bauch mit einem Tantō aufschlitzte und sich anschließend enthaupten ließ.

Das Mishima wirklich glaubte, eine Revolution herbeiführen zu können, ist zu bezweifeln. Wohl eher wird er diesen Vorfall als ein extremes Stück Performance Art inszeniert haben, welches seinen Klimax in Mishimas lang ersehntem Heldentod finden sollte. Mit seinem Tod erreichte er genau das, was er sich erhofft hatte: Sein Suizid erlangte mediale Sensation und ging in die Geschichte ein. Während des Mishima-Vorfalls wurde der bisher letzte dokumentierte Seppuku-Ritualsuizid ausgeführt.

Mishima opferte sein Leben, um den Verfall seiner Heimat zu lamentieren. Das ein Nationalist mit einem spektakulären Auftritt wie diesem weltweit für Aufsehen sorgte, war den entwurzelten Kosmopoliten besonders unangenehm. Die Aussagen der Autorin Nobuko Albery bringen die Empörung der globalistischen Fraktion Japans über Mishima auf den Punkt: „[…] Es war außerdem eine politische Blamage. Japan war gerade auf dem Weg, ein Mitglied der modernen Industrienationen zu werden, die wir die ganzen Jahre über so verbissen kopiert haben, und dann kommt da dieser Schriftsteller und tötet sich selbst, als wenn die Uhr zwei Jahrhunderte zurückgedreht wurde.[…] „³

Das Leben und Wirken Yukio Mishimas sollte den jungen Patrioten und Gegnern des Globalismus auf der ganzen Welt als Vorbild dienen. Mishima war ein Mann, der im Verlauf seines Lebens die Schwächen seines Körpers und seines Geistes identifizierte und bekämpfte, ein Mann, der wie ein Architekt an seinem Körper arbeitete und ihn formte, bis er seinen Ansprüchen genügte. Die Schriften Mishimas sollen uns dazu inspirieren, die Schönheit unserer Heimat zu erkennen, sie wertzuschätzen und für ihre Erhaltung Opfer zu bringen. In einer Zeit, in der der Begriff Heldentum nur noch in Sagen und Märchen erwähnt wird, in der es keinen Platz mehr für die stolzen Samurai gibt, war es Mishima, der sich dazu entschlossen hat, mit seinem Leben einen neuen Heldenmythos zu erschaffen. Als Japan vom kapitalistischen Westen dazu gedrängt wurde, seine einzigartige Kultur und Schönheit zugunsten materialistischer Interessen zu verkaufen, wagte Mishima es, ein blutiges „Nicht mit mir.“ in das Gesicht der kosmopolitischen Volksverräter Japans zu spucken. Mit seinem Opfer demonstrierte Mishima der ganzen Welt, dass es noch Patrioten gibt, welche allen globalistischen Stiefelleckern zum Trotz bereit sind, für ihre Heimat zu kämpfen. Er demonstrierte eindrucksvoll, dass sich echter Heroismus in der heutigen Zeit durch politischen Aktivismus und das Erschaffen von Kunst bemerkbar macht. Mishima war ein Mann, der es gleichermaßen verstand, mit dem dem Schwert und mit der Feder zu leben. Alles, was er tat, sollte zu dem Zweck dienen, sein Leben in ein Kunstwerk zu verwandeln. Ein Kunstwerk, dessen finale Pinselstriche er mit dem Tantō setzte.

Heute, 50 Jahre nach seinem Tod, in einer Zeit, in der globalistische Staatslenker und linke Ethnomasochisten weltweit die Richtung angeben, sind Helden wie Mishima wichtiger als je zuvor.


¹ „Japan hat bis vor ganz kurzer Zeit ein einzigartiges Beispiel für das Nebeneinander-Bestehen-Können einer traditionalen Ausrichtung – bei gleichzeitiger Annahme der Strukturen einer modernen, technischen Zivilisation im materiellen Bereich – gegeben. Mit dem Zweiten Weltkrieg ist eine tausendjährige Kontinuität gebrochen, das Gleichgewicht aufgehoben und der letzte Staat zum Verschwinden gebracht worden, in dem auf der Welt noch das Prinzip des „sonnenhaften“ Königtums rein göttlichen Rechts anerkannt worden war.“ – Evola, Julius „Revolte gegen die moderne Welt“, Ansata (1982) Seite 281

²Mishima, Yukio „Bekenntnisse einer Maske“, Kein & Aber (2018) Seite 110

³Zitat aus einem Interview mit Nobuko Albery [freie Übersetzung aus dem Englischen], Arena Season 11 Episode 5: „The Strange Case of Yukio Mishima“

Das Beitragsbild wurde freundlicherweise von Phalanx Europa zur Verfügung gestellt. https://phalanx-europa.com/

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